Mal ehrlich: Wann hast du das letzte Mal darüber nachgedacht, wie viel Strom deine Website verbraucht? Vermutlich nie. Ich auch nicht – bis ich mal nachgerechnet habe. Und dann wurde mir etwas mulmig.
Das Internet ist nämlich ein ziemlicher Stromfresser. Würde man alle Rechenzentren, Netzwerke und Endgeräte zusammenzählen, wäre das Internet das viertgrößte Land der Welt, wenn es um CO₂-Emissionen geht. Irgendwo zwischen Indien und Japan. Jeder Klick, jedes geladene Bild, jedes Video – alles kostet Energie. Und die kommt nicht aus der Steckdose, sondern aus Kraftwerken.
Die gute Nachricht: Du kannst was dagegen tun. Und zwar ohne dass deine Website schlechter wird. Im Gegenteil.
Das Internet frisst mehr Strom als du denkst
Rechenzentren weltweit haben 2024 rund 415 Terawattstunden Strom verbraucht. Das ist ungefähr so viel wie ganz Großbritannien braucht. Bis 2030 soll sich diese Zahl mehr als verdoppeln – dann wären wir bei Japan-Niveau. Der Hauptgrund: Künstliche Intelligenz.
Aber auch ohne KI ist das Internet ein ordentlicher Energiefresser. Jeder einzelne Webseitenbesuch verursacht im Durchschnitt 0,36 Gramm CO₂. Klingt nach wenig? Ist es auch – bis du mal hochrechnest: Eine Website mit 10.000 Besuchern pro Monat kommt auf 43 Kilogramm CO₂ im Jahr. Das sind gut 400 Kilometer Autofahrt. Schlecht optimierte Seiten mit fetten Bildern und zig Tracking-Skripten schaffen locker das Dreifache.
Was kostet ein Klick?
Lass uns das mal greifbar machen. Ein durchschnittlicher Webseitenbesuch verbraucht etwa 1,5 bis 2 Wattstunden Energie. Das entspricht:
- 10 Meter E-Auto fahren (nicht mal ein Parkplatz)
- 3,6 Sekunden Haare föhnen (weniger als ein „Guten Morgen“)
- 9 Minuten LED-Lampe leuchten lassen (immerhin was)
- 5 Sekunden toasten (wer also 12 Webseiten aufruft, hätte sich stattdessen einen Toast machen können)
Okay, das klingt nach Kleinkram. Aber denk mal dran, wie oft du am Tag im Internet unterwegs bist. Oder wie viele Leute gleichzeitig deine Website besuchen. Die Zahlen addieren sich schneller als du denkst.
Noch ein Vergleich, der mir die Augen geöffnet hat: 22 Webseitenbesuche entsprechen energetisch einer Tasse Kaffee kochen. Und eine Stunde Netflix-Streaming verursacht so viel CO₂ wie ein Kilometer Autofahrt. Crazy, oder?
Probier doch selbst mal aus, was du mit einer Stunde Surfen sonst so anstellen könntest…:
KI: Der neue Energie-Champion
Weil wir gerade bei verrückten Zahlen sind: Künstliche Intelligenz ist ein komplettes neues Level. Eine ChatGPT-Anfrage verbraucht etwa so viel Energie wie eine Google-Suche – solange die Antwort kurz bleibt. Bei langen Texten oder komplexen Aufgaben kann der Verbrauch aber auf das 100-Fache hochschießen.
Richtig heftig wird’s bei KI-Bildgenerierung. Ein einziges KI-generiertes Bild (mit Tools wie Midjourney oder DALL-E) verbraucht etwa 3 bis 11 Wattstunden – das ist so viel wie eine komplette Smartphone-Ladung. Wenn du also das nächste Mal schnell „generier mir mal ein Bild“ sagst: Das kostet Strom wie einmal dein Handy vollladen.
Und die Tech-Konzerne investieren gerade 320 Milliarden Dollar in neue Rechenzentren – hauptsächlich für KI. Das ist nicht irgendeine Spielerei mehr, sondern ein massiver Energie-Shift.
Warum nachhaltiges Webdesign kein Verzicht ist, sondern ein Upgrade
Jetzt denkst du vielleicht: „Oh Mann, soll ich jetzt auf alles verzichten?“ Nope. Genau das Gegenteil ist der Fall. Eine nachhaltige Webseite ist meistens auch einfach die bessere Website. Und zwar aus diesen Gründen:
Schneller. Weniger Datenmüll bedeutet kürzere Ladezeiten. Und Google liebt schnelle Seiten. Heißt: bessere Rankings, mehr Besucher, mehr Kunden. Win-win-win.
Günstiger. Schlanke Websites brauchen weniger Server-Power und Bandbreite. Das schont dein Hosting-Budget.
Nutzerfreundlicher. Klare Strukturen, keine Ladebalken, kein visuelles Chaos. Deine Besucher bleiben länger und klicken lieber.
Barrierefreier. Leichte Websites funktionieren auch auf älteren Handys und mit langsamem Internet. Gerade im ländlichen Raum ein echtes Argument.
Zukunftssicher. Schlanker Code altert besser. Du musst nicht alle zwei Jahre einen teuren Relaunch machen.
Ich merk’s an meiner eigenen Website: Die ist nicht perfekt, aber laut dem Website Carbon Calculator besser als 95 % aller Webseiten. Und das nicht, weil ich auf irgendwas verzichtet hätte – sondern weil ich einfach auf den Datenmüll verzichtet habe, den eh keiner braucht.
Die größten Hebel für eine nachhaltige Website
Okay, genug Theorie. Was kannst du konkret tun, um eine nachhaltige Webseite zu erstellen? Die gute Nachricht: Die meisten Maßnahmen sind überraschend einfach.
1. Bilder optimieren (der Megahebel!)
Bilder machen oft 50 bis 80 Prozent des Seitengewichts aus. Die durchschnittliche Website wiegt mittlerweile 2,68 Megabyte – das ist mehr als doppelt so viel wie vor zehn Jahren. Und das meiste davon sind Bilder, die niemand in dieser Größe braucht.
Was du tun kannst:
- Moderne Formate wie WebP oder AVIF nutzen (30 Prozent kleiner als JPEG, bei gleicher Qualität)
- Bilder vor dem Upload auf die richtige Pixelgröße verkleinern (nicht einfach hochladen und dann im Browser verkleinern – das bringt null)
- Lazy Loading aktivieren, damit Bilder erst laden, wenn man zu ihnen scrollt
- Wo möglich, SVG statt PNG verwenden (eine 500-KB-Grafik kann als SVG nur 15 KB wiegen)
- Tools wie TinyPNG, ShortPixel oder ImageOptim nutzen – dauert fünf Minuten, bringt mega was
2. Code schlank halten
Je weniger Code deine Website laden muss, desto schneller ist sie – und desto weniger Energie verbraucht sie. Das heißt:
- CSS und JavaScript minimieren (Leerzeichen und Kommentare raus)
- Ungenutzten Code entfernen (viele Websites laden global riesige CSS-Dateien, obwohl sie nur auf einzelnen Seiten gebraucht werden)
- Plugins auf das Nötigste reduzieren – jedes Plugin erzeugt zusätzliche HTTP-Anfragen
- Tracking-Skripte, Social-Media-Buttons und Werbung drastisch reduzieren (oder ganz weglassen)
3. Videos clever einbinden
Videos sind der absolute Spitzenreiter beim Datenverbrauch. Ein eingebettetes YouTube-Video mit Autoplay lädt sofort mehrere Megabyte – auch wenn niemand draufklickt.
Die Lösung: Kein Autoplay. Stattdessen ein statisches Vorschaubild zeigen und das Video erst beim Klick auf „Play“ laden. Gibt Tools wie „lite-youtube-embed“, die genau das machen. Spart locker 80 Prozent Traffic.
4. Green Hosting wählen – der Gamechanger für nachhaltige Websites
Hier wird’s richtig spannend. Denn nicht jeder Hoster ist gleich. Nur 29 Prozent aller getesteten Websites laufen auf grünem Hosting. Der Rest? Kohlestrom, Atomkraft, Erdgas.
Ich selbst hoste alle meine Projekte bei Infomaniak – einem Schweizer Anbieter, der wirklich krass nachhaltig arbeitet. Die nutzen 100 Prozent Ökostrom aus Wasserkraft, bauen eigene Solaranlagen und haben das vielleicht krasseste Rechenzentrum der Welt gebaut. Green Hosting ist ein absoluter Schlüssel für nachhaltiges Webdesign.
Infomaniak: Das Rechenzentrum, das ein ganzes Quartier heizt
Ich will kurz auf Infomaniak eingehen, weil das echt beeindruckend ist. Die haben im Januar 2025 ein Rechenzentrum in Genf eröffnet – unter einem Wohnquartier. Nicht daneben. Nicht nebenan. Drunter.
Die Idee: Jeder Server erzeugt Abwärme. Normalerweise verpufft die in die Atmosphäre oder wird mit Klimaanlagen runtergekühlt (was wieder Strom kostet). Infomaniak macht was anderes: Die Serverabwärme wird über Hochtemperatur-Wärmepumpen auf bis zu 85 Grad aufgeheizt und ins Fernwärmenetz eingespeist.
Das Ergebnis: 100 Prozent der verbrauchten Energie wird wiederverwertet. Das Rechenzentrum heizt 6.000 Haushalte ganzjährig mit Heizung und Warmwasser. Das spart jährlich 3.600 Tonnen CO₂. Und nebenbei kühlt sich der Server selbst – ohne separate Klimaanlage.
Kein anderes bekanntes Rechenzentrum weltweit erreicht diesen Wert. Und das Beste: Infomaniak teilt das komplette Konzept als Open Source mit der ganzen Branche. „D4 ist replizierbar“, sagt CEO Boris Siegenthaler. „Und dieses Wissen teilen wir transparent und kostenfrei.“
Zusätzlich betreiben die ihre eigenen Solaranlagen, kompensieren ihren CO₂-Ausstoß zu 200 Prozent (statt nur 100 Prozent wie andere) und lassen ihre Server bis zu 15 Jahre laufen – fast dreimal so lang wie der Branchendurchschnitt. Die Logik: Die Herstellung eines Servers verursacht mehr CO₂ als sein Betrieb über zehn Jahre. Also Reparieren statt Wegwerfen.
Und nein, ich krieg kein Geld dafür, dass ich das hier schreibe. Ich find’s einfach cool, wenn jemand zeigt, dass Nachhaltigkeit und Business zusammengehen.
Tools: So checkst du deine eigene Website auf Nachhaltigkeit
Du willst wissen, wie nachhaltig deine Website ist? Gibt ein paar kostenlose Tools, die dir das zeigen:
Website Carbon Calculator (websitecarbon.com) ist das bekannteste. Einfach deine URL eingeben, und das Tool sagt dir:
- Wie viel CO₂ pro Seitenaufruf entsteht
- Ob dein Hoster Ökostrom nutzt
- Wie du im Vergleich zum Durchschnitt dastehst (Note von A+ bis F)
Ecograder (ecograder.com) geht noch einen Schritt weiter. Der bewertet Performance, User Experience und Green Hosting auf einer Skala von 0 bis 100 und gibt dir konkrete Tipps, was du verbessern kannst.
Google Lighthouse ist in Chrome eingebaut (Rechtsklick > Untersuchen > Lighthouse). Misst primär Performance, aber Performance = Nachhaltigkeit. Eine schnelle Website ist automatisch eine grünere Website.
Ich hab meine eigene Seite gecheckt: Besser als 95 Prozent aller Websites. Nicht perfekt, aber ein Anfang. Und vor allem: Es hat mich nichts eingeschränkt. Ich hab einfach den Kram weggelassen, der eh nur stört.
Vorbilder: Nachhaltige Websites, die zeigen, dass es geht
Es gibt ein paar Websites, die zeigen, wie weit man mit nachhaltigem Webdesign gehen kann – ohne dass es nach Verzicht aussieht. Im Gegenteil.
Low-Tech Magazine (solar.lowtechmagazine.com) läuft auf einem Mini-Computer, der von einem Solarpanel in Barcelona gespeist wird. Die Bilder sind mit einer alten Kompressionstechnik komprimiert – der körnige Look ist zum Markenzeichen geworden. Keine Custom Fonts, kein Tracking, keine Werbung. Durchschnittliche Seitengröße: 0,77 MB – ein Fünftel des Durchschnitts. Und die Seite sieht großartig aus. Die Vogue hat drüber geschrieben.
Organic Basics (dänisches Modelabel) betreibt eine Low-Impact-Version ihres Shops, die 70 Prozent weniger CO₂ verursacht. Die Seite reagiert sogar auf die aktuelle CO₂-Intensität des Stromnetzes: Bei hoher Kohlestromproduktion werden Bilder reduziert, bei sehr hoher Intensität geht die Seite offline. Radikal? Ja. Konsequent? Definitiv.
C40 Cities hat durch ein Redesign den CO₂-Ausstoß pro Seitenaufruf von 6,7 Gramm auf 0,34 Gramm gesenkt – eine Reduktion um 95 Prozent. Ladezeit: 1,2 Sekunden. Accessibility-Score: 98. Besser geht’s kaum.
Und Wholegrain Digital – die Macher des Website Carbon Calculators – zeigen auf ihrer eigenen Website, wie es geht: nur 0,083 Gramm CO₂ pro Seitenaufruf, dank System Fonts, SVG Icons und Verzicht auf Fotos und Videos.
Warum das alles wichtig ist – und trotzdem Spaß macht
Die Prognosen sind ernst: Bis 2030 werden Rechenzentren allein in den USA mehr Strom verbrauchen als die gesamte Aluminium-, Stahl-, Zement- und Chemieindustrie zusammen. Gleichzeitig liegt ein riesiges Potenzial darin, bestehende Technologien effizienter zu nutzen.
Für dich als Selbstständiger, Handwerker oder Unternehmer heißt das: Nachhaltiges Webdesign ist kein Luxus, sondern ein Wettbewerbsvorteil. Eine schnelle, schlanke, nachhaltige Webseite rankt besser bei Google, kostet weniger im Betrieb, überzeugt Kunden schneller – und schont nebenbei das Klima.
Die Tools sind kostenlos (Website Carbon, Ecograder, Lighthouse). Die Maßnahmen oft einfach (Bilder komprimieren, Plugins reduzieren, Green Hosting wählen). Und die Wirkung ist messbar.
Über 4.300 Organisationen haben das Sustainable Web Manifesto bereits unterzeichnet. Die Bewegung wächst. Und jedes eingesparte Kilobyte macht einen Unterschied.
Was du jetzt tun kannst
Ich weiß, das waren viele Infos. Aber der Kern ist simpel: Mach deine Website schlanker, schneller und grüner – und sie wird besser funktionieren als vorher.
Fang mit dem Einfachsten an:
- Check deine Website mit dem Website Carbon Calculator
- Optimier deine Bilder (das bringt am meisten)
- Überleg dir, ob du zu einem grünen Hoster wechseln willst
- Miste überflüssige Plugins und Skripte aus
- Miss nach – und freu dich über die Verbesserung
Und wenn du Hilfe brauchst: Ich bau solche Websites – Call me! Mit Ökostrom, schlankem Code und ohne Schnickschnack. Gerne auch mit dem grünen Badge vom Website Carbon Calculator.
Denn mal ehrlich: Klimaschutz ist und bleibt wichtig. Und wenn wir schon im Internet arbeiten, können wir auch dafür sorgen, dass unsere Arbeit nicht zum Problem wird – sondern Teil der Lösung.
Fotos: Martin Donat, Paul Hanaoka (Titelbild)
Quellen: IEA „Energy and AI" (April 2025), offizielle Infomaniak-Pressemitteilungen (Januar 2025), offizielle Infomaniak-Pressemitteilungen (Januar 2025), HTTP Archive (Januar 20, Website Carbon Calculator v4 (2025)
